31.08.07

Deutschland keine moderne Dienstleistungsökonomie

Pressetext Kategorie:
- Bildung/Karriere -

Innovationsbranchen brauchen flexible und leistungsgerechte Löhne

Gewerkschaften im Clinch mit Arbeitgebern (Foto: pixelio.de)

Düsseldorf/Bonn (pte/31.08.2007/11:31) - Hohe Tarifabschlüsse gefährden den wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland, warnen Analysten. In volkswirtschaftlich wichtigen Branchen hätten die Gewerkschaften in diesem Jahr schon satte Lohnerhöhungen erstritten: In der Chemie gibt es 3,6 Prozent mehr Geld, in der Metall- und Elektroindustrie 4,1 Prozent und im Baugewerbe beläuft sich der Zuschlag auf 3,1 Prozent. “Das Muster der Tarifkonflikte läuft immer gleich ab. Hohe Löhne seien nicht weiter schlimm, weil wir gerade eine Konjunkturerholung erleben, eine glänzende Außenhandelsstatistik vorweisen und im internationalen Vergleich auf niedrige Lohnstückkosten kommen” meint Michael Müller, Wirtschaftssenator des Bundesverbandes mittelständischer Wirtschaft (BVMW) http://www.bvmwonline.de. Mit dieser Litanei aus der guten alten Zeit des Industriekapitalismus komme man aber nicht weiter. “Die Realität sieht nämlich anders aus. Hohe Löhnabschlüsse führen dazu, dass Arbeit durch Kapital ersetzt wird. Nur dadurch verringert sich der Anteil der Lohnkosten und führt zu geringeren Lohnstückkosten”, kritisiert Müller. Deutschland gehe es ein bisschen so wie einem alternden Liebhaber, moniert der Mittelständler, der auch Geschäftsführer des IT-Dienstleisters a&o http://www.ao-services.de ist : “Er schaut auf sein früheres Leben zurück. Damals war er noch rank und schlank, charmant und topfit. Der Erfolg bei den Damen stellte sich automatisch ein. Mittlerweile hat er graue Haare und ein paar Pfunde zugelegt. Nicht jede Dame, die er möchte, beißt sofort an. Er muss sich eben eine neue Strategie ausdenken, wie er weiterhin punkten kann”. Darin liege auch die Ursache, so der After-Sales-Experte, warum sich Deutschland schwer tue, die Transformation vom Industriekapitalismus zur modernen Dienstleistungsökonomie zu bewerkstelligen. “Die Iren können uns ein Vorbild sein, wie man aus dem Armenhaus Europas - bevölkert von Guinness trinkenden katholischen Bauern - eine moderne und hoch technologisierte Dienstleistungsgesellschaft machen kann”, so Müller weiter. Als Beweis führt er an, dass beim EU-Beitritt im Jahre 1973 noch 24 Prozent der Iren in der Landwirtschaft tätig waren, 20 Jahre später aber nur noch neun Prozent in diesem Bereich beschäftigt sind. Gleichzeitig stieg der Anteil bei den Dienstleistungen von 45 auf 63 Prozent. “Die ‘Paddys’ haben also den Spaten gegen den Laptop eingetauscht und sind ziemlich gut damit gefahren. Allerdings ohne Flächentarifvertrags-Ideologie und Arbeitszeitverkürzung”, stellt Müller fest. Dass beinahe überall länger gearbeitet wird als in Deutschland, stellt hingegen das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) http://www.iwkoeln.de in Köln fest. Die Schweizer arbeiten 1.852 Stunden im Jahr, die Amerikaner 1.920 und die Japaner 1.811. “Ehrlich gesagt wundert es mich nicht, dass die strukturkonservativen Franzosen nur 1.610 Stunden im Jahr arbeiten. Wenn man sich die 35-Stunden-Woche leistet, lebt man ökonomisch gesehen aber wohl nicht mehr so lang wie ‘Gott in Frankreich’”, kritisiert Müller. Es sei vielleicht möglich, die Arbeitszeiten von Lehrern oder Finanzbeamten schematisch festzulegen. Bei mittelständischen Unternehmen in hart umgekämpften Branchen wie der Informationstechnik oder Telekommunikation gehe das nicht. In der Freelance-Ökonomie, die sich in den nächsten Jahren nach Prognosen des Bonner Dienstleistungsforschers Dr. Manfred Wirl in Deutschland immer mehr ausbreiten wird, stößt das Tarifkartell aus industriekapitalistischen Zeiten ohnehin an seine Grenzen: “Computer und Internet, aber vor allem Dezentralisierung, Flexibilisierung, Outsourcing und Networking haben schon jetzt die traditionellen Arbeitsverhältnisse auf den Kopf gestellt. Es kommen neue Selbständige auf den Markt, die sich als Serviceanbieter, Wissens- und Telearbeiter profilieren und sich nicht mehr an Flächentarifverträgen von Industriegewerkschaften und Arbeitgeberverbänden orientieren”, so Wirl. Die Gewerkschaften sollten sich von ihrem hoheitlichen Anspruch der Tarifautonomie verabschieden und es dem Arbeitnehmer und Arbeitgeber überlassen, wann wie lange und in welchen Zeiträumen gearbeitet werde. “Wir müssen uns auch von dem Irrglauben lösen, dass der Staat für die Bereitstellung von Arbeitsplätzen da ist”, betont Müller. Was angemessene Löhne sind, sollte man der Wirtschaftswoche zufolge zudem dezentral regeln - “in den Unternehmen selbst oder, noch besser, auf der Ebene der individuellen Arbeitsverträge. Dann könnte sich die Lohnentwicklung sehr viel flexibler an die jeweiligen Verhältnisse in Branchen und Regionen anpassen, je nach ökonomischer Rentabilität jedes einzelnen Arbeitsplatzes. Die Löhne könnten da kräftig steigen, wo es möglich ist, und da sinken, wo die Arbeitsplätze ansonsten verschwinden würden”, so die Analyse des Blattes. (Ende)

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Gunnar Sohn email: sohn@pressetext.com Tel. +49-228-6204474

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